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27 February 2015

A Bilingual Review of Alfred Polgar's Marlene: Bild einer berühmten Zeitgenossin

Polgar, Alfred (2015). Marlene: Bild einer berühmten Zeitgenossin. Wien: Paul Zsolnay Verlag. [160 pages; € 17,90]

Blog reader Horst Zumkley has kindly contributed the following reviews in English and German of the latest Marlene Dietrich-related publication, Alfred Polgar's Marlene: Bild einer berühmten Zeitgenossin, edited and with an afterword by Ulrich Weinzierl, which is currently available at Amazon.de.

During the 1920s, Alfred Polgar (1873-1955) was a well-known Austrian critic and columnist who lived in Berlin. He later had to flee the Nazis and relied on the help of others also in exile. Through the mediation of a Swiss friend, Polgar received financial support from Marlene Dietrich. Sort of in return, Polgar agreed to write a portrait of her, which he composed during 1937 and 1938.

In 1984, Ulrich Weinzierl, who had edited Polgar's posthumously published works and written a biography about Polgar, found the biographical portrait in a suitcase in the New York apartment of Selma (Sally) Ell, the widow of Polgar's stepson Erik G. Ell. At that time, Weinzierl did not publish it because the circumstances under which the manuscript was written were still unclear.

Now, 60 years after Polgar’s death and nearly 80 years after its creation, Polgar’s manuscript finally appears in print as the first part of the book, Marlene: Bild einer berühmten Zeitgenossin. Polgar’s text traces the career of Marlene during the period between 1927 and 1937 and describes the "famous contemporary" as a quasi-god, gifted artist, and perfect human being

The second part of the book was written by Weinzierl, who retraces "the history" of this manuscript and contextualizes its emergence and meaning in Polgar's life as a Jewish emigrant.

This portrait of Marlene is more a book for Polgar fans than Dietrich admirers. The text, until now unknown, is pure hagiographical prose and brings nothing new; nevertheless, its belated publication is welcome.

Likely, Polgar played no special role for Marlene; he was one of many emigrants whom she helped. In Dietrich's autobiography, the name Polgar does not appear, and the manuscript, in which she participated, is not mentioned. Nor is the name Polgar mentioned in the Dietrich biographies by Maria Riva (Marlene's daughter), Bach, Freeman, Higham, Spoto, Walker, etc. Only in the biography by Werner Sudendorf (2001, p 124) is there is a mention of Polgar's support by Marlene and their cooperation in his book about her.

In contrast, Dietrich and the portrait that Polgar wrote about her were of particular importance for Polgar during his emigration period. This is convincingly pointed out by Weinzierl in his epilogue.

The best and most unique parts about this book are the subject, the previously unknown history of the origin of the manuscript, and its subsequent odyssey. It is a document of emigration history, interesting, sometimes grotesque, and certainly characteristic of that time.

--Horst Zumkley

Please read Zumkley's German-language review as well:

(1)     Dies kleine Büchlein besteht aus zwei Teilen:
Der erste Teil (S. 7-71) beinhaltet ein biographisches Portrait über Marlene Dietrich, das Alfred Polgar (1873-1955) bereits im Jahr 1937/1938 verfasst hat und das erst jetzt, 60 Jahre nach seinem Tod und fast 80 Jahre nach der Niederschrift zum ersten Mal gedruckt erschient.
Der zweite Teil (S. 75-119) wurde vom Herausgeber des Buches, Ulrich Weinzierl, verfasst, der auch Polgars Schriften herausgab. Er fand das Manuskript 1984 im Nachlass von Polgars Stiefsohn Erik G. Ell in dessen New Yorker Wohnung in einem Koffer und wollte das Ms nicht unkommentiert abdrucken, da damals die Umstände der Entstehung noch sehr unklar waren.
In diesem, als „Anhang“ bezeichnetem Nachwort, zeichnet Weinzierl die „Geschichte“ dieses Polgar-Manuskripts nach und ordnet dessen Entstehung und  Bedeutung in Polgars Leben als jüdischer Emigrant ein.
Es schließen sich noch Anmerkungen, Erläuterungen zu Textvarianten des Ms,  editorische Hinweise und Danksagungen, Bildnachweise, ein Namensregister und das Inhaltsverzeichnis an (S. 120-159).


(2)    Der Text von Polgar zeichnet die Karriere der Dietrich in der Zeit von 1927 bis 1937 nach und schildert die „berühmte Zeitgenossin“ voller Bewunderung als quasi Gottbegnadete Künstlerin und perfekten Menschen. Polgars „Bild“ von Marlene ist ohne Fehl und Tadel, ein Lob reiht sich an das andere, alles wird in Superlativen ausgedrückt.
So heißt es z.B. über die Schauspielerin:

  • „Dieses Ineinander von Bewusstheit und Ahnungslosigkeit, von Willen und Willenlosigkeit, von Leben und Gelebt-Werden, hat ja vielen, und zwar den stärksten, darstellerischen Schöpfungen der Dietrich ihren  besondersten, unnachahmlichen Reiz gegeben“ (S. 15).
  • „Der Besonderheit der Erscheinung und des Wesens dieser Frau entspricht genauest die Besonderheit ihrer Stimme“ (S.23).
  • „Von Extase bis zur vollkommenen Gleichgültigkeit ist dieses Gesicht jeder Expression, vom Hochmut bis zur Demut jedes Charakters, von Teufelei bis zur engelhaften Güte jedes Reflexes seelischen Zustands fähig“(S.  38f).
  • „Der Reichtum an natürlichen und Kunstmitteln, über die zum Ausdruck differenzierten seelischen Vorganges Frau Dietrich verfügt, macht sie zur Filmschauspielerin par excellence..(S.50).

Und über den Menschen Marlene:
  • „Sie ist ein einfacher, lieber warmherziger, neidloser, unverlogener  Mensch, besessen von dem chronischen Willen, gut zu sein und Gutes zu tun“ (S. 53).
  • „Grazie ist ein besonderes Wirkungs-Element der Frau und Schauspielerin Dietrich.“(S. 43).
  • Die Fragen und Antworten der Gespräche zwischen Polgar und Marlene über das Buch sind nur teilweise enthalten. Polgar stellt insgesamt fest: „Marlene Dietrichs Antworten waren bezaubernd unbefangen, so klug wie fein, und enthielten den Höchstprozentsatz an Aufrichtigkeit, den ein Gespräch zwischen Kulturmenschen verträgt“(S. 58f).

Hier noch einige konkrete Beispiele für Fragen und Antworten:
  • „Ist es angenehm berühmt zu sein? Oh, es hat seine Annehmlichkeiten“(S. 61).
  • „Haben Sie schon in den ersten Anfängen an sich und Ihre Carrière geglaubt? Ja.“ „Warum? Darum“ (S.61).
  • „Was für schlechte Eigenschaften haben Sie? Keine.“ … Herr Sieber kommt    ins Zimmer und bekräftigt nachdrücklichst die Auskunft seiner Frau. (S. 66).


(3)       Dieser Text ist nicht besonders gut, denn hier wird ein unglaubwürdiges „Heiligen-Bild“ gezeichnet, das heute - auch für Marlene-Bewunderer -  nur noch schwer erträglich ist. Neues über Marlene wird hier nicht geboten. Nach all den vielen ernsthaften Biographien, die über Marlene inzwischen vorliegen, kann man auf diese eigentümliche Hofberichterstattung über Marlene gut verzichten. Auch wenn Weinzierl schreibt, dass der Text „jene schwebende Leichtigkeit besitzt, die wir von Polgar kennen und an ihm schätzen“ (S. 115), so ist er doch weit entfernt von der sprachlichen Meisterschaft, die der „Kritikerlegende“ Polgar sonst attestiert wird.


(4)     Aber: Wie konnte ein damals berühmter Theater-, Film- und Literaturkritiker nur so ein misslungenes (weil Gefälligkeits-) Portrait schreiben?
Im Nachwort unternimmt Ulrich Weinzierl den Versuch, unter Heranziehung verschiedener Quellen dem „Marlene"-Manuskript  in Polgars Leben seinen Platz zuzuweisen, d.h. die Geschichte seiner Entstehung verständlich zu machen und dessen schicksalhafte Odyssee nachzuzeichnen.


(5)    Alfred Polgar war in den zwanziger Jahren ein bekannter Kritiker und Feuilletonist in Berlin. Er musste vor den Nazis fliehen und war im Exil auf Hilfe von Freunden angewiesen. Durch die Vermittlung eines Schweizer Freundes (Carl Seelig) erhielt er von Marlene Dietrich über längere Zeit eine finanzielle Unterstützung. Quasi als Gegenleistung vereinbarte er mit Marlene, ein Buch über sie zu schreiben. Und es gab auch einen Wiener Verlag, der Polgar mit Marlenes Einverständnis einen Vorschuss dafür zahlte. Es fanden mehrere Treffen und Gespräche zwischen ihm und Marlene in Österreich (St. Gilgen) und Frankreich (Paris) statt, deren Inhalte in das Portrait einflossen.

Weinzierl legt anhand von verschiedenen Quellen (u.a. der Marlene Dietrich Collection Berlin) dar, dass sich Polgar zunehmend schwer tat mit der Arbeit am Manuskript. In einem Brief schrieb Polgar: „Dabei hat der Gedanke, in heutiger Zeit als Psalmodist einer Film-Diva 150 Seiten unter meinem Namen von mir zu geben, etwas kaum Erträgliches“ (S. 99). Aber in seiner Situation könne er sich „keinerlei litterär-moralischen Luxus erlauben“ (S.99).

Auch die Treffen und Gespräche mit Marlene wurden von Polgar zunehmend als anstrengend empfunden. Polgar hatte das Gefühl, dass Marlene sich nur halbherzig der Sache zuwandte: “Die ganze Sache bekam den falschen Anstrich, als brenne ich auf das Buch, und sie lasse sich dazu bewegen, sein Erscheinen zu dulden“ (S. 100). Das Manuskript war für Polgar eine „bittere, schwere Arbeit“ (S.101) und er nötige sein „ obstipiertes Gehirn unter Krampferscheinungen Geeignetes von sich zu geben (S. 101).
Das Manuskript, das vom Ehepaar Dietrich / Sieber gegengelesen wurde, war dennoch Anfang 1938 fertig gestellt, konnte dann aber nach dem “Anschluss“ Österreichs natürlich nicht mehr als Buch erscheinen.


(6)    Polgar floh mit seiner Frau im März 1938 zunächst in die Schweiz, dann nach Frankreich. Seine Bemühungen, das Buch jetzt „über die Dietrich erscheinen zu lassen“ (S. 107f) oder von einem amerikanischen Autor bearbeiten zu lassen, scheiterten und der Kontakt zu Marlene brach ab.

Nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen in Paris flohen die Polgars im Juni 1940 zunächst nach Marseille und von dort aus unter abenteuerlichen Umständen über Spanien nach Portugal. Am 4. Oktober 1940 verließen sie per Schiff Lissabon in Richtung New York, wo sie am 13. Oktober 1940 ankamen. Das Marlene-Manuskript hatte Polgar ungeachtet aller Strapazen und Widrigkeiten immer dabei und mit ins Exil genommen.
Der Wiener jüdische Emigrant Alfred Polgar wurde später amerikanischer Staatsbürger und starb am 24. April 1955 in Zürich. Das unveröffentlichte Marlene-Manuskript wurde erst 1984 von Weinzierl entdeckt.

(7)     Fazit: Dieses Marlene-„Bild“ ist eher ein Buch für Polgar- als für Dietrich-Fans. Der Text, bisher unbekannt,  ist reine Bewunderungs-Prosa und bringt nichts Neues. Als Zeitdokument ist seine späte Publikation trotzdem zu begrüßen.
Polgar spielte für Marlene wohl keine besondere Rolle; er war einer von vielen Emigranten, denen sie half. In Ihrer Autobiographie taucht der Name Polgar nicht auf, das „Marlene-Buch“, an dem sie ja mitwirkte, wird nicht erwähnt. Und ebenso wenig wird Polgar in den bekannten Dietrich-Biographien von Maria Riva (Marlenes Tochter), Bach, Freeman, Higham, Spoto, Walker u. a. erwähnt. Einzig in der Biographie von Werner Sudendorf findet sich eine Erwähnung von Polgars  Unterstützung durch Marlene und ihres Zusammenwirkens bei seiner Marlene-Monographie (2001, S. 124).
Umgekehrt  waren Marlene Dietrich und das Portrait-Buch, das er über sie verfasste, für Polgar in seiner Emigrationszeit sicher von besonderer Bedeutung. Das wird von Weinzierl in seinem Nachwort facettenreich und überzeugend darlegt.

Das Beste und das Besondere an diesem Buch sind das Motiv, die bisher unbekannte Geschichte der Entstehung des Manuskripts und seine sich anschließende Odyssee. Es ist ein Dokument der Emigrationsgeschichte, interessant, teils auch grotesk und sicher charakteristisch für jene Zeit.

Literatur:

Sudendorf, Werner (2001). Marlene Dietrich. München. Deutscher Taschenbuch Verlag.

--Horst Zumkley

7 comments:

  1. Horst, thanks for your review. It's gratifying that new pieces of the puzzle of the life of Marlene, and in this case also of Polgar's are coming to light after 80 years.

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  2. The cover is gorgeous! I love it! Thanks Horst! :)

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    1. The photographer is William Walling (copyright: Deutsche Kinemathek, Marlene Dietrich Collection Berlin).

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    2. Yes, the photographer is William Walling, as far as I have seen in other sources (here is another shot from this sitting), but does the credit in the book really state that the Deutsche Kinemathek, Marlene Dietrich Collection Berlin is the copyright holder? This is an unfortunate example of copyfraud if this is the case. Walling took the photograph for Paramount in 1934, so I don't know how MDCB would be the legitimate copyright holder of it. If anything, the credit perhaps ought to state that the photo was provided with the kind permission of MDCB.

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    3. Joseph, thanks for the link to that beautiful print. MDCB may insist on a copyright credit on all photos from them to protect images that *do* belong to them from slipping through the cracks without one. (Which is not the case with this photo, I agree.)

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  3. The book has a protective envelope made of paper. The photo is on its front side. On the inner backside the following information is given:

    „Umschlag: Lübbecke Naumann Thoben, Köln; unter Verwendung eines Fotos von William Walling © Deutsche Kinemathek, Marlene Dietrich Collection Berlin.“

    That is the sign for copyright, or not?

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    1. Yes, that does indicate copyright. I adore MDCB and its staff, but this photo definitely is not its intellectual property. "Copyfraud" is a neologism that may not translate well into other languages, but I hope everyone who visits this blog researches it. A person or institution that wrongfully claims to be a copyright holder is asserting specific rights over intellectual property that they do not possess, and it's important that we understand this because we--out of ignorance--may be afraid of facing potential legal repercussions for using intellectual property that we find. In reality, however, a person or institution wrongfully claiming to be a copyright holder has no power to pursue any such legal action against us. I don't mean to point the finger at MDCB because this is a common practice of many cultural institutions such as libraries, archives, and museums, but I consider it a form of intellectual bullying that stifles the flow of information that these institutions should be promoting.

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