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08 July 2017

Einsame Klasse by Eva Gesine Baur: A Review


When the readers of this blog become contributors, I'm ecstatic because I've always envisioned this space as a collaborative one with no borders and no language barriers. Below is a review by Horst Zumkley of one of the latest German-language Marlene Dietrich biographies, as well as my clunky English translation. Please share your thoughts in the comments section, especially if you've read the book!

Baur, Eva Gesine (2017). EINSAME KLASSE - Das Leben der Marlene Dietrich. München: Verlag C.H.Beck. [576 Seiten, € 24,95]

Dieses Buch über das Leben von Marlene Dietrich, das pünktlich zu deren 25. Todestag erschien, enthält im Vergleich zu den vielen anderen Biografien über den Star keine besonderen Neuigkeiten oder gar Geheimnisse. Das Buch ist aber in verschiedener Hinsicht doch bemerkenswert anders.

Die Autorin geht in diesem Buch von zwei zentralen Thesen aus: Marlene Dietrich war ihr ganzes Leben lang (1) ein einsamer Mensch und (2) zutiefst verunsichert, weil sie sich nicht schön und nicht schauspielerisch begabt fand.

In einem Zeitungs-Interview sagt Eva Gesine Baur dazu:
„Sie hat sich dennoch als ungeheuer einsam erlebt. Ihre Tochter meinte, das sei eine Attitüde. Nach ausgiebiger Vertiefung in Marlenes Briefwechsel komme ich zu einer anderen Ansicht. Durch ihre gesamte Korrespondenz zieht sich die Einsamkeit wie ein Leitmotiv. Niemand ist einsamer als ein extrem polygamer Mensch. Das Gefühl, einsam zu sein, erwächst auch aus dem Gefühl, unverstanden zu sein. Marlene war ihr ganzes Leben zutiefst verunsichert und von Selbstzweifeln geplagt.“
Und:
Die „Unsicherheit … war schon in den Erfolgsjahren der Grund für Marlenes Perfektionswahn: Sie fand sich weder schön noch schauspielerisch begabt. Als sie alt war, wollte sie sich nicht einmal den engsten Freunden zeigen. Sie dachte, sie sei  nichts wert, als sie nicht mehr das Idol war, zu dem sie sich gemacht hatte – auch äußerlich. Der Rückzug war der Preis, ein hoher Preis, den sie dafür zahlte, ihr perfektes Bild nicht zu beschädigen.“

Auf diese zentralen Thesen hin ist das ganze Buch ausgerichtet und selektiv  geschrieben.

Wir haben es hier zudem nicht mit einer „Sachbiografie“ im üblichen Sinne zu tun, sondern mit einer „fiktionalisierten Biografie“. Damit ist gemeint, dass Baur biografische Sachverhalte schildert, diese "ergänzt", weiterspinnt, "Binnen-Erleben" der handelnden Person(en) formuliert (besser: romanhaft fabuliert) und auf diese Weise, so als sei sie dabei gewesen, ein Gesamtbild erschafft.

Bei der biografischen Schilderung zitiert sie in dem Text viele, teils lange Passagen (jeweils kursiv gedruckt) aus allen möglichen "Quellen", die sie kombiniert und dann selbst nahtlos textlich fortsetzt, so als sei es aus einem Guss. Das zieht sich durch den ganzen Text, es gibt fast keine Seite ohne Zitate. So entsteht eine thesengeleitet stimmig gemachte, biografische Collage über Marlenes Leben.

Die Schilderung der Lebensgeschichte der Dietrich wird dabei zudem noch umfangreich, aber selektiv, verknüpft mit den begleitenden historischen, d.h. politischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Ereignissen dieser Zeit.

Die ersten Kapitel des Buches über den Lebenswerdegang der Dietrich (bis ca 1930) sind, eingebettet in deren damaligen gesellschaftlichen Kontext, unterhaltsam und flüssig geschrieben. Das ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass die Orientierung der Schilderung hin auf die beiden Grundthesen der Autorin sowie die „Fiktionalisierung“ von Sachverhalten, dabei nicht so im Vordergrund steht.

Ab dann ändert sich allerdings die Ausrichtung des Buches. Fortschreitend bis zum letzten Kapitel scheinen die leitenden Thesen immer mehr zu einer „überwertigen Idee“ für die schriftstellerische Arbeit der Autorin geworden zu sein.

Über Seiten und Seiten ermüdend zu lesen, werden immer mehr „Belege“ für die angebliche „Einsamkeit“, und „Inferioritätsgefühle“ der Dietrich angeführt: Aus Buchveröffentlichungen, Memoiren, Briefwechseln, Gesprächen, persönlichen Mitteilungen, Telegrammen, Interviews, Presseberichten, Notizen und, und, und…  entsteht als collagiertes Bild:

-    Das ganze Leben der Dietrich war eine einzige psychodynamische Kompensationsleistung. Und:
-    Die Probleme des Älterwerdens dieser schönen Frau führten lt. Baur im Laufe der Zeit zu verstärkten Bemühungen um „Eroberungen“ und mit zunehmendem Alter,  Zipperlein und Krankheiten auch zu einer Wesens-Veränderung: Pedanterie, Besserwisserei, Misstrauen, Undankbarkeit werden zentrale Wesenszüge der Dietrich und führen zu Rückzug und zu einer Belastung für ihre Sozialbeziehungen.

Mit diesem einseitigen Zerrbild des Lebens der Marlene Dietrich werden die Hypothesen der Autorin quasi „bestätigt“. Auf der Strecke bleibt dabei eine (auch nur halbwegs) angemessene Würdigung ihrer künstlerischen Arbeit als Schauspielerin und Sängerin, ihres Engagements im Krieg und ihres Einsatzes und ihrer Hilfsbereitschaft für Freunde und Emigranten, um nur einiges zu nennen. Die Autorin hat beim Schreiben die nötige Distanz zu ihrem Gegenstand verloren und deshalb ist das Buch mit seiner einseitigen Ausrichtung mehr als unbefriedigend.

Eva Gesine Baur verfügt zweifellos über historisches Wissen und hat sehr viele Quellen studiert, gesichtet und verarbeitet, und sie breitet in dem Buch eine schier endlose Fülle an vielfältigen, nicht nur biografiebezogenen Details aus.

Aber sie geht problematisch, ja unwissenschaftlich damit um: Die Bezüge zwischen dem Text und den Quellen und Anmerkungen sind, wenn überhaupt ersichtlich, locker. Genaue Verweise auf die Literatur-, Fund- bzw. Zitatstellen, Jahres- oder Seitenzahlen sucht man vergeblich. So ist denn für den Leser nichts wirklich nachprüfbar.

An diesem Buch ist nichts „richtig“: Es ist keine "richtige" (Sach-)Biografie (durch die Fiktionalisierung), kein "richtiger" Roman (da sind die zitierten Quellen fehl am Platz), keine "richtige" kommentierte Quellenstudie (zu fiktional, zu unwissenschaftlich). Das Buch ist von allem ein bisschen, ein eigentümliches, Collage-haftes Machwerk, wenn auch von einsamer Klasse.

Lassen wir zum Schluss noch Marlene Dietrich selbst zu Wort kommen:
In dem Dokumentarfilm „Marlene“ (1984) von Maximian Schell hört man als erstes,  direkt zu Beginn des Films, Marlenes Stimme aus dem OFF, die sagt: „Ich lese Bücher, ist man nie einsam, wenn man Bücher liest. Keine Einsamkeit – nein!“

English translation:

This book on the life of Marlene Dietrich, which appeared punctually on the 25th anniversary of her death, contains no special news or even secrets compared to the many other biographies about the star. The book, however, is remarkably different in several respects. In it, the author has two central theses: Marlene Dietrich was (1) a lonely person her whole life and (2) deeply insecure because she did not consider herself beautiful or a gifted actor.

In a newspaper interview, Eva Gesine Baur says:

"But she still felt lonely. Her daughter said this was an attitude. After a profound [examination] of Marlene’s correspondences, I come to a different view. Through all her correspondences, loneliness is like a leading motive. Nobody is more lonely than an extremely polygamous person. The feeling of being lonely also comes from the feeling of being not understood. Marlene was deeply insecure and depressed all her life. "
And:
The "uncertainty ... was already the reason for Marlene’s perfection delusion during her successful years: she found herself neither beautiful nor a gifted actor. When she was old she did not even want to show herself to her closest friends. She thought she was worth nothing, as she was no longer the idol which she had made herself--even outwardly. The retreat was the price, a high price she paid for not damaging her perfect image. "
(Frankfurter Neue Presse, 09.05.2017).

On these central theses the whole book is focused and selectively written.

In addition, we are not dealing with a biography in the usual sense, but with a fictionalized biography. This means that Baur portrays biographical facts, then adds thoughts and inner experiences of the acting person(s) and elaborates the situations, as if she herself had been there, which creates a reconstructed picture.

In the biographical portrayal, she cites in the text many occasionally long passages (in each case in italics) from all sorts of "sources", which she combines and then continues herself seamlessly, as if they were from a single source. This continues throughout the text, and there is almost no page without quotes. In this way, a thesis-driven, biographical collage about Marlene’s life emerges.

The portrayal of Dietrich's life story is, moreover, still extensive, but selective, linked to the accompanying historical, i.e. political, cultural, social and economic events of this time.

The first chapters of Dietrich's life story up to about 1930, written in their social context at the time, are entertaining and fluent. This is probably due to the fact that the focus of the narrative on the author's two theses, as well as the "fictionalisation" of facts, are not so much in the foreground.

From then on, however, the crux of the book changes. Progressing to the last chapter, the leading theses seem to have become more and more an “obsessive  idea" of the writer's work.

It is very tiring to read through pages and pages of more and more "proof" of the alleged "loneliness" and "feelings of inferiority" of Marlene: from book publications, memoirs, exchanges, interviews, personal communications, telegrams, press reports, etc., from which emerges a collaged image:

-   Dietrich spent her entire life compensating for her feelings of inferiority. And:
-   Over time, the problems of this beautiful woman’s aging led to intensified efforts for "conquests" and, with increasing age, handicaps and diseases also led to a change of her character: pedantry, intellectual arrogance, mistrust, ingratitude become the central features of Dietrich and lead to a retreat and a burden on their social relations.

With this one-sided caricature of the life of Marlene Dietrich, the hypotheses of the author are almost "confirmed". The reader fails to even partially appreciate her artistic work as an actress and singer, her engagement in the war, and her commitment and willingness to help friends and emigrants. The author has lost the necessary distance from her subject, and, therefore, the book with its one-sided focus is more than unsatisfactory.

Eva Gesine Baur undoubtedly possesses historical knowledge and has studied, cited and processed many sources, and she spreads in the book a seemingly endless abundance of diverse details, biographical and otherwise.

But the way she processes the facts is problematic, indeed unscientific: the relationships between the text and the sources and notes are, if at all apparent, flimsy. You will look in vain to find precisely from where Baur cited her sources, e.g., quotations, dates, and page numbers. So, for the reader nothing is really verifiable

There is nothing "right" about this book: it is not a "real" biography (due to the fictionalisation), nor a "real" novel (because then the cited sources make no sense), nor a "proper" literature review (because it’s too fictional, and too unscientific). The book is a bit of everything, a peculiar, collage-like botch-job, albeit of a lonely class.

Let us, finally, cite Marlene Dietrich herself: The documentary film "Marlene" (1984) by Maximian Schell starts with Marlene’s offscreen voice, stating: "I read books, you are never lonely with a book. No, I never feel lonely!"

3 comments:

  1. Thanks a lot the article and its translation (for me it's much easier to read English than German). Marlene Dietrich feeling that she was "worth nothing" sounds very strange. According to her correspondence and other documents (diaries) there were times when she felt loneliness in N.Y. and in Paris or in a hotel suite somewhere during tours. But I guess such occasional feelings are very common and prove absolutely nothing.
    Naturally she was lonely in later years, especially on Sundays and during holidays. But judging by her remarks and letters I never thought that she felt that she was worth nothing. The whole idea sounds ridiculous to me. I think, she knew exactly what she was worth as an actress, singer and performer. She knew her limitations too as Kenneth Tynan put it.

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    1. Sorry, I forgot to say that I haven't read the book. And after that review I probably won't, because I don't like books which mix facts and fiction.

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  2. Sounds as though the author of this "biography" went down a rabbit hole. Can only imagine what Marlene would have had to say about it.

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